BGE Experimente: London 2009 – Dreitausend Pfund für 13 Obdachlose

Sie kennen das. Beim Schlendern durch eine beliebige größere Stadt trifft man unweigerlich auf Obdachlose, die auf Spenden hoffen. Und auch das kennen Sie, die Frage ob eine Barspende wirklich hilft oder ob man nicht lieber etwas zu essen oder ähnliches anbieten sollte. Mir geht das genauso.

Umso mehr überraschte es mich, als ich im Buch “Utopien für Realisten” (Rutger Bregman) vom Experiment der Hilfsorganisation “Broadway” im Jahre 2009 aus London las, bei dem 13 Obdachlosen jeweils 3.000 Pfund (ca. 3.300 Euro in 2009) nahezu bedingungslos zur Verfügung gestellt wurde. Sicherlich auch für die Helfer eine radikal neue Herangehensweise. Keine Essenausgabe, kein Angebot von Schlafplätzen oder Beratung. Einfach 3000 Pfund bar auf die Hand.

Nach einem Jahr hatten 11 der 13 Obdachlosen, die an dem Experiment teilnahmen, wieder ein Dach über dem Kopf. Keiner hat das Geld für Alkohol, Drogen oder Glücksspiel ausgegeben. Und wir reden hier über Menschen, die teilweise seit 40 Jahren auf der Straße gelebt haben. All die Jahre war die Beratung durch die verschiedenen Obdachlosenorganisationen nahezu ohne Wirkung im Hinblick auf eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Aber 3.000 Pfund machten den Unterschied. Die Menschen übernahmen selbst Verantwortung für ihr Leben und trafen bessere Entscheidungen. Sie lernten kochen, machten Fortbildungen, besorgten sich Ausweispapiere und oder begaben sich in Behandlung. Und nicht zuletzt suchten sie sich ein neues zu Hause.

Berechnungen in England ergeben, dass ein Obdachloser dem Steuerzahler 26.000 Pfund pro Jahr kostet. Diese setzen sich zusammen aus Kosten der Obachlosenbetreuung, medizinischer Hilfe, aber auch Kosten für Polizeieinsätze und Gefängnisaufenthalte. Wenn mit einem Betrag von nur 3.000 Pfund Menschen aus der Obdachlosigkeit geholt werden können, wäre das eine riesige Entlastung für den Steuerzahler und, noch viel wichtiger, eine reale Hilfe für die auf der Straße lebenden Menschen.

Ich hatte gehofft, jemanden von Broadway für ein Interview in unserem Podcast gewinnen zu können. Leider blieben meine Anfragen unbeantwortet. Möglicherweise sind nach der Fusion von Broadway und St. Mungo’s Ansprechpartner verloren gegangen und vielleicht auch Fürsprecher. Denn in London steigt die Obdachlosenqoute wieder und erreichte 2017 ein neues Hoch. Zur Fortführung dieses Experiments konnte ich leider keine Informationen finden. Schade.

Auch dieses Experiment zeigt, dass die Menschen für sich und damit auch für andere bessere Entscheidungen treffen, wenn man sie selbst entscheiden lässt und sich nicht einmischt. Und auch in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen lassen sich daraus Schlüsse ziehen. Ohne Gegenleistung zur Verfügung gestelltes Geld trägt nicht dazu bei, dass die Menschen antriebslos in der sozialen Hängematte entspannen. Viel mehr findet eine Aktivierung statt, die mit der Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben einhergeht.

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Thomas Rackow

bedingungslos-beflügelt podcast, BGE - Botschafter

 

Thomas Rackow arbeitet als SAP Senior Consultant in einem Arbeitsumfeld, dass bereits heute durch einen Bewerbermarkt bestimmt wird. Angemessene Gehälter, gute Arbeitsbedingungen und viel Gestaltungsspielraum sind die Regel.
Ein langjähriges Engagement im Betriebsrat eines früheren Arbeitgebers sowie die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft legten den Grundstein zu seinen Einsatz für das bedingungslose Grundeinkommen. Die positiven Auswirkungen auf die Arbeitswelt sind ihm ein besonderes Anliegen.
Thomas ist langjähriger Podcast-Hörer und steigt mir dem “bedingungslos-beflügelt podcast” nun selbst in das Podcasting ein.

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