Über wollen und müssen I

Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte.

MACH DOCH WAS DU WILLST steht darauf.

 

Wenn ich morgens aufwache,

fällt mein Blick auf diesen Satz.

 

Ja, denke ich mir, genau:

Ich will den Moment wahrnehmen,

diesen einen Moment, in dem ich gerade lebe.

Das Licht.

Die Geräusche.

Die Menschen.

Mein Gefühl für die Welt.

Dem nachspüren, was werden will.

 

Aber dann stehe ich auf,

und sie schleicht sich wieder ein,

diese Liste.

Auf Papier oder nur in meinem Kopf.

DASS MUSST DU ALLES MACHEN,

sagt sie mir.

Ob du willst oder nicht.

Also los.

 

Und dann ziehen mich zukünftige Forderungen mit sich fort.

Der Terminkalender appelliert

An mein Pflichtgefühl

Meine Unterwürfigkeit

Das Geliebt-sein-wollen

Und die Sorge um das Geld.

 

Dann mache ich so weiter,

wie ich es immer gemacht habe,

wie ich meine,

dass ich es müsse.

 

Ich erledige alles,

was ich zu erledigen habe.

 

Mein Blick wird zum Tunnel,

ich höre nur, was mir nützlich ist,

ersticke in mir, was werden will,

und verliere mich selbst.

 

Na und, was macht das schon,

meine Liste habe ich abgearbeitet.

Vorbildlich.

 

Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte.

MACH DOCH WAS DU WILLST steht darauf.

 

Wenn ich abends schlafen gehe,

fällt mein Blick auf diesen Satz.

 

Judith Matern

bedingungslos-beflügelt blog, BGE - Botschafterin

Über wollen und müssen I

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