Über wollen und müssen II

Unser Nachbar erhält so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er ist – nach einigen Wirren seines Lebens – Beamter im Frühruhestand, er muss nichts arbeiten und erhält dennoch monatlich Geld. Selten begegnen mir Menschen mit so viel Energie, Lebensfreude und Ideen.

Als er uns diese Woche spontan zu Eis und Tee einlud, las er uns seine Ideenliste vor, eine einseitige Excel-Tabelle. Auch wenn ich selbst (noch!) ein bedingtes Einkommen erhalte, inspirierte mich seine Tabelle, statt meiner üblichen to-do-Liste, eine TO-WANT-LISTE zu schreiben.

Ich kam nicht sofort weg von meinem so lange konditionierten to-do-Denken, also ergab sich eine Dreiteilung meiner Liste:

  1. Was ich will
  2. Was ich will, mich aber Überwindung kostet
  3. Was ich nicht will, aber muss

Erste freudige Erkenntnis: In der ersten Rubrik stand viel, in der zweiten einiges und in der dritten tatsächlich nur zwei Punkte. Das kam daher, dass ich vieles von dem, was ich machen muss, auch machen will, z.B. Hecke schneiden und putzen – das mache ich gerne – oder das nächste Musical-Projekt vorbereiten – als Theaterpädagogin habe ich tatsächlich meinen Traumberuf gefunden.

Jetzt, mit der anderen Überschrift, spüre ich trotz Alltagsstress wieder, dass ich dass nicht nur muss, sondern auch will. Das gibt mir eine andere Kraft für die Dinge.

Zweite erschreckende Erkenntnis: Obwohl ich so viel will, von dem was ich ohnehin muss, habe ich die ersten Tage nichts von der to-want-Liste getan. Fleißig habe ich Rubrik 2 und 3 „abgearbeitet“, bis es dann beim zweiten Punkt der to-do-Rubrik ins Stocken geriet: Denn das will ich wirklich absolut nicht machen. Es ist nicht nur ein „Gerade keine Lust dazu haben“, sondern eine tiefe, moralische Abneigung: Ich arbeite als Lehrerin und ein Teil meiner Arbeit besteht darin, junge Menschen in ihrem Tun, Können und Ausprobieren zu bewerten. Ich will das nicht, denn ich sehe, dass es Angst und Konkurrenz produziert, statt Potentiale zu wecken.

Aber anstatt mich an diesem Punkt den Dingen zuzuwenden, die ich wirklich will, war ich wie gelähmt, hatte schlechte Laune und keine Energie – dabei habe ich weder meine Pflicht erfüllt noch etwas Schönes getan.

Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, sagt:

TUE NICHTS, WAS DU NICHT AUS SPIELERISCHER FREUDE HERAUS TUST!   

Er schreibt selbst, dass ihn manche für radikal oder gar gestört halten, wenn er diesen Satz sage. Aber er hat erfahren, wie viel Energie da entsteht – oder immer schon vorhanden ist –, wo wir handeln, um unser Leben und das der anderen zu bereichern, anstatt aus Pflichtgefühl, Angst oder Scham.

Rosenberg betont, dass wir uns tatsächlich immer selbst für unser Handeln entscheiden, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt. Er zeigt in seinem Buch auf, wie wir „müssen“ in „frei wählen“ übersetzen können.

Im ersten Schritt schreibst du alle Tätigkeiten auf, die du meinst, machen zu müssen, die dir aber keinerlei spielerische Freude bereiten. Im zweiten Schritt setzt du vor jeden dieser Punkte den Satz: „Ich habe frei gewählt… dieses oder jenes zu tun“. Im letzten Schritt geht es darum herauszufinden, aus welchem inneren Anliegen oder welchem Bedürfnis heraus wir uns dafür entschieden haben, diese missliebige Tätigkeit auszuführen.

Ist dieses Anliegen eines, das in Einklang mit unseren Werten steht oder einem höheren Ziel dient, dann werden wir in Zukunft weniger Abneigung dagegen empfinden, weil wir wissen, wofür wir das machen.

Steht aber hinter der Ausführung der Tätigkeit die Angst, die Scham oder das Pflichtgefühl, so handeln wir nicht in Übereinstimmung mit unseren wirklichen Bedürfnissen und Werten. Rosenberg ermutigt dazu, diese Tätigkeiten nicht mehr auszuführen.

Ich selbst habe diese Textpassage schon vor Jahren gelesen, sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf und rumort in meinen Eingeweiden. Auf meinem Profil bei MEIN GRUNDEINKOMMEN steht, dass ich niemanden mehr bewerten würde, wenn ich ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten würde.

Rosenberg ist den Schritt gegangen – er hat keine Patientenberichte mehr geschrieben. Auch Anni Hartmann, die Kabarettistin, erzählte bei einer Veranstaltung zum Grundeinkommen in Weil am Rhein, wie sie es einfach nicht mehr ausgehalten hat, mit miesgelaunten Kollegen, die alle keine Freude an ihrer Arbeit hatten, in einem Büro zu sitzen. Sie wurde danach oft gefragt, woher sie den Mut gehabt hätte für den Schritt, diese Arbeit aufzugeben. Nie wurde sie gefragt, wie sie jahrelang den Mut aufgebracht hatte, sich dieser schrecklichen Bürosituation jeden Morgen von Neuem zu stellen.

Die Abhängigkeit von Erwerbsarbeit, die uns bestimmte Bedingungen setzt, die wir zu erfüllen haben, um unser Einkommen zu erhalten, macht uns zu Marionetten der Angst. Die Sorge um finanzielle Sicherheit entfernt uns von unseren tiefen Anliegen, verhindert, unsere Stärken zu spüren, und erstickt die spielerische Freude am Tun.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde uns diese eine Angst nehmen und wir hätten den Freiraum, auf unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu schauen und im Einklang mit unseren Werten zu leben.

Anni Hartmann sagt: Lasst uns das, wenn irgendwie möglich, jetzt schon machen!

Ich wünsche mir, dass ich diesen Mut haben werde. Und ich wünsche mir, dass das bedingungslose Grundeinkommen bald Wirklichkeit ist und ich auch als kleiner Angsthase meinen Weg im Einklang mit meinen Werten gehen kann.

 

(Zum Weiterlesen: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Gestalten Sie Ihr Leben, Ihre Beziehungen und Ihre Welt in Übereinstimmung mit Ihren Werten. Junfermann: Paterborn 2009.)

 

Judith Matern

bedingungslos-beflügelt blog, BGE - Botschafterin

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